Willi Seidel mit Theodor Heuss 1953

Meine Damen und Herren


ich begrüße sie recht herzlich zur Buchvorstellung und Lesung aus

Willi Seidel , Kassels Oberbürgermeister des Wiederaufbaus mit Betrachtungen anhand der Tagebuchaufzeichnungen mit Dokumenten und Erklärungen zur Zeitgeschichte -so wie es Willi Seidel anregte zur besseren Lesbarkeit seiner Tagebücher.


Ich bedanke mich bei der Buchhandlung Thalia, dass wir heute abend hier die Lesung durchführen können.

Sehr gern begüße ich Anwesende der Familie Seidel die Großnichte Seidels Frau Felicitas Linnenkohl ,


Frau Elfriede Becker, damals Lauterbach, geb. 8.12.1925, war die Sekretärin Seidel von 1941 bis 1954. Sie hat seit 1941 in der Wehrwirtschaftspolitischen Abteilung gearbeitet und die Bombenangriffe auf Kassel mitbekommen und auch die vielen Umzüge der Stadtverwaltung nach der Zerstörung des Rathauses.


und ihr wurden die Tagebücher diktiert, diese über 1000 Seiten verfasste sie gern für ihren Oberbügermeister. Sie ist heute 92 Jahre – recht herzlich willkommen.


Hans Eichel, war ebenfalls Kassels OB und Hessens Ministerpräsident und zuletzt Bundesfinanzminister

Alle recht herzlichen Dank, dass Sie sich die Zeit genommen haben.


Zur Einführung habe ich ein paar Lichtbilder vorbereitet, die Zeit noch besser in Erinnerung rufen können, die wir auch weiterlaufen lassen können.



Buchlesung und Kaufpreis 34.80€


Wie kam es dazu, dass ich mich mit dem Oberbügermeister des


Wiederaufbaus beschäftigt habe?


In meinen Büchern über die Geschichte der Südstadt und des Weinbergs


hatte ich immer die Zerstörung Kassels und den Wiederaufbau durch Willi

Seidels erwähnt. Darüber sind viele Bücher veröffentlicht worden. Ich versuche hier eine Übersicht von 1945 - 1954 aufzuzeigen.


Durch den Auftrag der Stadt, dass die NS-Vergangenheit der drei Nachkriegsoberbürgermeister nachgegangen und erforscht werden sollte, wurde ich wieder auf ihn aufmerksam. Das Ergebnis der Wissenschaftler wurde einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Durch einen HNA Artikel wurden die Familie Seidel auf mich aufmerksam und übergaben mir die Tagebücher Willi Seidels zur Auswertung.


Das hat mich ermutigt, den Lebens-und Berufsweg Willi Seidels nachzugehen und in die Zeitgeschichte einzuarbeiten und zwar aus der Sicht eines Beamten, der 51 Jahre der Stadt und seinen Bürgern treu gedient hatte.

Um den Beamten und Menschen Willi Seidel zu verstehen und seine Handlungsweisen einzuordnen und zu verstehen, muss man seinen Lebensweg kennen.


Er war auch der Zeitgeschichte unterworfen, denn er kannte die politische Situation aus der Sicht eines in führender Position stehenden Verwaltungsbeamten, auch aus seiner Stadtverordnetentätigkeit.


Die Diktatur, die sich schon seit 1930 mit den Präsidialkabinetten von Reichskanzler Brünig, Schleicher und Papen abzeichnete, die von Reichspräsident Hindenburg eingesetzt wurden. Hitler ist in dieser Reihenfolge einzuordnen und wurde am 5.März 1933 in freien Wahlen demokratisch gewählt.




Ich mache im Buch auch deutlich, dass die Gegenrevolution, die vielen Nationalen Bünde und Organisationen, die nationalistischen Parteien (DVP, DNVP, Völkischer Block und NSDAP) die Weimarer Republik beseitigen wollten, wenn es sein muss mit politischen Morden und Putsch, die Diktatur planten und förderten.



Und dazwischen lagen die Lebensläufe von Beamten, so auch Willi Seidels


Wer war nun Willi Seidel

Willi Seidel wurde 1885 geboren und durchlebte in seiner Jugend eine Zeit des Militarismus und gesteigerten Nationalismus und 1912 die 1000-Jahrfeier der Stadt, die OBM Scholz organisisere. der OBM Müller ablöste und den Ersten Weltkrieg mit seinen negativen Folgen für Kassel und Deutschland.


Seine politische Orientierung wurde vom Elternhaus geprägt und war liberal und deutschnational, so dass er sich 1925 der Deutschen Volkspartei anschloss für die er 1925 Stadtverordneter wurde.


Am 9. November setzte OBM Koch ihn als Protokollführer bei den Sitzungen des Arbeiter- und Soldatenrats ein, deren Vorsitzender Grzensinski und Thöne - Kasseler Reichstagsabgeordneter - seitens der SPD waren,um sicherzustellen, dass seine Beschlüsse nicht mit dem Verwaltungsrecht kollidierten.


Seidel versuchte zwischen 1920 und 1923 bei dem Orden „Odd Fellows Hassia“, der seine Mitglieder zur

Freundschaft, Liebe und Wahrheit verpflichtete. eine neue Orientierung zu bekommen.

Diese Mitgliedschaft konnte mit dazu beitragen, dass er nicht NSDAP Mitglied und sein Antrag abgelehnt wurde.


Philipp Scheidemann erinnert immer wieder, besonders zu seinen Reden zum Tag der Verfassung am 11. August, dass die alten Mächte und Organisationen immer wieder versuchten die Republik zu beseitigen, was Ihnen auch mit Hilfe der Massenarbeitslosigkeit und der aggressiven NSDAP während der Weltwirtschaftkrise und die Propaganda gegen den Versailler Vertrag


Hindenburg und Papen öffneten Hitler Tor und Tür


Die Diktatur fing schon 193o mit den Notstandsgesetzen und Präsidialregierungen Brünig, Schleicher und Strippenzieher Franz von Papen, der glaubte, dass Hitler schnell erledigt ist, an, . So war es nur ein kleiner Schritt des Reichspräsidenten von Hindenburg, Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler zu ernennen, der dann im März 1933 durch die Reichstagswahl seine Regierung rechtmäßig installierte. Das Volk steht hinter Hitler.


Willi Seidel und die nationalsozialistische Zeit


Nach der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 verkündete Freisler im Foyer des Rathauses Namen von unliebsamen Beamten und forderte die SA auf, diese aus ihren Büros zu holen. Sie wurden die Treppe hinuntergeprügelt und schlimm zugerichtet. Es gab ein Todesfall.

Willi Seidel stand auch auf der Liste wurde aber vom Leiter des Städtischen Untersuchungsamtes, Paulmann, ein führendes Mitglied der Völkischen Partei, sicher aus dem Rathaus geleitet.


Nach diesem Vorfall war ihm klar, dass er das Haupt- und Personlamt den NSDAP Genossen überlassen musste und beantragte seine Versetzung in das Versicherungsamt,„

Ich wurde hier Nachfolger des Beigeordneten Paul Nagel, der als Direktor des Versicherungsamtes wegen seiner Zugehörigkeit zur SPD in den Ruhestand versetzt worden war.“


Bürgermeister Lahmeyer (seit 1925) wurde am 24. März, nachdem er in die NSDAP eingetreten war, Oberbürgermeister und befürwortete seine Versetzung als Leiter des Versicherungsamtes, das nicht im Rathaus angesiedelt war, was Mitte Mai erfolgte, nachdem sein Nachfolger im Haupt- und Personalamt, Wallmann, von ihm eingearbeitet wurde. Alles nach Vorschrift.


In dieser Funktion hätte er ohne an entscheidender Stelle im nationalsozialistischen Führersystem mitzuwirken die NS-Zeit überstehen können zumal er das Gehalt eines Stadtverwaltungsdirektors bezog und damit seinen höchsten Dienstgrad schon 1927 erreicht hatte.

Aber es schmeichelte ihn, wieder in unmittelbarer Nähe des Oberbürgermeisers arbeitenzu können, um auch arbeiten zu übernehmen die als „streng gehem“ deklariert waren.


Mitwirkung im nationalsozialistischen System

Hier ist die Leitung der Eingemeindungen der ländlichen Vorstadtge-meinden zu nennen und die Leitung der Wehrwirtschaftspolitischen Abteilung.

(für den Katastrophenfall Pläne auszuarbeiten im Buch Seite 57).


Seidel: „Da fiel Oberbürgermeister Lahmeyer nichts besseres ein, als mir als Nicht Parteimitglied diese Arbeit zu übertragen.“


Am 1.6. 1936 waren die Aufgaben erledigt und Seidel blieb als „sein Adjudant“ in seiner Nähe und leitete die neue Abteilung, die schon bald im Krieg ihre Aufgaben zu erfüllen hatte und viele Menschen das Leben retten konnte.



Hier muss auch gesagt werden, dass Eingemeindungen schon seit 1899 mit Wehlheiden, 1906 mit Wahlershausen, Kirchditmold, Rothenditmold und Bettenhausen und in den in den 1920er Jahren mit Gutsbezirken, wie Fasanenhof, Kragenhof ausgehandelt wurden.


Und zu den Plänen für den Katastrophenfall ist zu sagen, dass sich

auch OBM Koch sich mit der Versorgungslage der Kasseler im Ersten Weltkrieg beschäftigen musste und Maßnahmen zu ergreifen hatte.


Eine Ablehnung des Auftrages kam für Seidel nicht infrage, auch Widerstand war ihm fremd, dennoch litt er auch unter unzähligen Massnahmen, die er zu verarbeiten hatte und auch im Buch geschildert werden..Die nationalsozialistische Diktatur in Kassel griff auch noch die seelischen Bereiche an und schufen bis dahin unbekannte Zustände, die es zu überwinden galt.


Willi Wittrock betonte 1946, „Seidel war als Gegner und Verfolgter des


NS-Regimes seit 1933 beruflich benachteiligt, Zurücksetzungen,


Anfeindungen und Schwierigkeiten ausgesetzt.


Wittrock selbst war Opfer des Regimes und das von ihm zu hören, muss


für Willi Seidel eine Genugtuung gewesen sein.“


Ich sage dazu: Nur durch sein exzellentes Fachwissen konnte er in der nationalsozialistischen Stadtverwaltung überleben.


Und

Was erwarten wir Heutigen denn von den Menschen im Nazireich?

Sollte ein Lebenszeitbeamter wie Seidel wirtschaftlichen Selbstmord begehen, in dem er widersprach? Und was passiert mit seiner Familie?


Brief Lahmeyers------



Es galt aber zu überleben und seine Familie zu schützen und zu helfen, auch seiner Tochter Eleonore, (Auszug)


S.228/229


Das Verhalten Lahmeyers

Lahmeyer hielt den Druck der Gauleitung und Weinrichs nicht länger aus und lies sich -so berichtete Seidel -1941 an die Front versetzen und kehrte wegen einer Verwundung erst nach seiner Genesesung im November 1943 zurück.


Seidel erlebte alle Fliegerangriffe und die Schreckensnacht vom 22. auf den 23. Oktober,


Schwerpunkte des Neuaufbaus


Die Darstellung der Arbeit der Stadtverwaltung beginnt mit dem Einmarsch der Amerikaner und dem tiefsten Stand in der durch den Krieg entstandenen Rückwärtsentwicklung der Stadt auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens.


Der Tiefststand war gekennzeichnet durch den

Stillstand jeder geordneten Tätigkeit,

durch zerstörte Industrieanlagen,

zerstörte Läden und Geschäfte,

zerstörte Wohnungen,

eine zahlenmäßig um 2/3 verminderte Bevölkerung und

durch das Fehlen jeder öffentlichen Verwaltung .


Für die Befriedigung der dringendsten Bedürfnisse auf dem Gebiet der Ernährung standen keine Vorräte zur Verfügung, so dass die Bevölkerung größten Nöten und Entbehrungen ausgesetzt war.


Die amerikanische Besatzungsmacht leitete erste Schritte ein zur Herbeiführung geordneter Verhältnisse.


  1. Einführung der Demokratie und Demokratisierung der Stadtverwaltung

  2. Die endgültige Beseitigung der durch den Krieg hervorgerufenen Schäden und der Wiederaufbau der Stadt, der Jahrzehnte in Anspruch nahm.

    1. Entnazifizierung




Die Arbeit im Rathaus bis zur ersten Stadtverordneten-Versammlung am 26.Mai 1946 übernahm ein überparteilicher Ausschuss die Arbeit, der über alle wichtigen Angelegenheiten beratend und beschließend mitwirkte. Daneben waren einzelne Kommissionen ins Leben gerufen, die bestimmte Angelegenheiten zu erledigen hatten.





Im Buch werden die Stationen des Wiederaufbaus ausgeführt.


Kapitel 10 Chronik der Jahre 1945 bis 1951;


Kapitel 11 Wiederaufbau aus der Sicht der Stadträte,


Der Ergebnisse der Wiederaufbauarbeit der Stadtverwaltung,


Bericht aus 1951/1952 der Dezernenten.


Die Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht


Proklamation Nr. 2 Aufteilung der amerikansichen Zone in Groß Hessen, Württemberg – Baden und Bayern


und Gesetz Nr.8 (Verbot der Beschäftigung von Mitgliedern der NSDAP...)


Wahlen und Wiederaufbau unter amerikanischer Verwaltung


Enttrümmerung der Stadt,


Aufbau einer Infrastruktur sowie Wasser, Gas und Elektroleitungen u.v.a.m.


Die Währungsreform sorgte für eine Initialzündung für den Wiederaufbau; der das oberste Ziel der Amerikaner war.


Er sorgte aber auch dafür, dass ehemalige NSDAP Stadträte im Amt blieben, weil er sonst nicht den Wiederaufbau schnell zu leisten in der Lage war. Es handelte sich hier um Stadtkämmerer Voßhage und Stadtbaurat Heinecke. S. 131


Zum ersten Mitarbeiterstab gehörten jedoch auch viele ehemalig Verfolgte des NS-Regimes und SPD Mitglieder wie Willi Wittrock und Christian Wittrock und andere SPD Mitglieder.


  1. Höhepunkt des Wiederaufbaus wurde die von Seidel initiierte Bundesgartenschau und documenta 1955


Vorsitzender des Hess. - Waldeckschen Gebirgs- und Heimatvereins

Gesamtverein e.V. – ein Wanderweg vom Parkplatz Loipenhaus zum

Herkules trägt seinen Namen.


Vielfältige Ehrungen für die geleistete Arbeit für Kassel:


Ehrenbürger der Stadt, 1970

Großes Verdienstkreuz der BRD 1953

Karl Schomburg Plakette zum 75. Geburtstag


Willi Seidel Haus 23.10.1985 Haus der Jugend zum 90.Geburtstag Willi Seidels benannt, inzwischen wegen Mitwirkung Seidels in der nationalistischen Stadtverwaltung aberkannt.


Ehrengrab der Stadt Kassel.


Glückwunschschreiben zum 90. Geburtstag von Ministerpräsident Albert Oswald:

und Georg August Zinn, 31.10.1975 l e s e n


Das Ehepaar Linnenkohl wird darüber berichten wie sie Ihr Familienoberhaupt erlebten


S. 69 Die US Armee übernahm die Stadt

S. 96 Sinnvolle Dezentralisierung

S. 101 Verhalten von Angehöringen des US- Militärs

S. 131 Zuerst galt es in allererster Linie die bisher auf dem

Führerprinzip...

S. 190 Die Amerikaner bestimmten die demokratische Grundordnung,

Aufteilung in eine förderative Bundesrepublik und

Entnazifizieungsmassnahmen


S. 216 Der Beamte Willi Seidel Laudation von Bürgermeister Grenzebach aus Anlaß des 50-jährigen Dienstjubiläums



Ein Leben für die Heimatstadt Kassel – Willi Seidel - beschreibt seine Erlebnisse und Erfahrungen in seinen Tagebüchern, die hier durch historische Berichte des Zeitgeschehens ergänzt werden, so wie es Willi Seidel auch wollte, um die Zeit für Seine Enkel und Urenkel nachvollziehbar zu machen. Sein Leben beginnt im Kaiserreich, führt durch die Weimarer Republik und der Diktatur der NSDAP. Im Mittelpunkt stehen die Tagebuchaufzeichnungen ergänzt von Berichten der Amtsleiter 1948 als Zusammenfassung des Zustandes der Ämter und Leistung des Wiederaufbaus.

Eine Chronik von 1945 bis 1960 macht die Abfolge des Wiederaufbaus deutlich. Die Erfahrungen Willi Seidels mit den jeweiligen Oberbürgermeistern, seine Mitgliedschaft in der Deutschen Volksparteipartei, der Partei Stresemanns, der Machtübernahme der NSDAP am 24.3.1933, wobei er knapp den Schergen der SA entkam, sorgen dafür, dass er nie der NSDAP beitrat. Seine Aufrichtigkeit, charakterlichen Stärken und exzellente Berufserfahrungen qualifizieren ihn für die Amerikaner für das Amt des Oberbürgermeisters. Sein Name steht immer für den Wiederaufbau der

Stadt und der Durchführung der Bundesgartenschau 1955. Zum Schluss kommen Persönlichkeiten zu Wort, die auch seine Aufrichtigkeit und charakterlichen Stärken während der NS-Zeit würdigen.in abwechslungsreicher Lebensweg vom Kaiserreich, durch die Weimarer Republik, zur Diktatur und 1945 zum Oberbürgermeister nach 1945

In dieser Zeit spielt sich das private und berufliche Leben Willi Seidels ab, der sich 1903 entschieden in den Dienst der Stadt Kassel zu treten.So lernte er während seiner Beamtenlaufbahn

des Aufstieg Kassels als industrieller Mittelpunkt Nordhessen, den Nationalismus und Militarismus kennen sowie Kassel als Garnisonsstadt. Die 1000-Jahr-Feier der Stadt war sicherlich ein Höhepunkt, den er mit seiner Familie genoss. Während des Ersten Weltkrieges war er in der Kriegshilfe eingesetzt und 1918 protokollierte als Stadtsekretär die Sitzungen des Arbeiter- und Soldatenrates. 1927 hatte er den Höhepunkt seiner Karriere als Stadtverwaltungsdirektor erreicht und leitete das Personalamt und die Verwaltungsseminare. Bei der Machtübernahme der NSDAP am 24.3.1933 entkam er nur knapp den SA-Schergen und musste das wichtige Personalamt aufgeben und ins Versicherungsamt wechseln, da er nicht in die NSADP eintreten wollte. Aber seine

exzellenten Fachkenntnisse und Berufserfahrung führten 1935 nur Wiederverwendung als Mitarbeiter des Oberbürgermeisters, der ihm die Aufgaben „Eingemeindung der Vorortgemeinden“ und Aufbau einer Wehrwirtschaftspolitischen Abteilung“ (Aufgaben im Katastrophenfall) anvertraute. Nach der Besetzung Kassels durch die Amerikaner wurde er am 7. April 1945 von den Amerikanern als Kommissarischer Oberbürgermeister eingesetzt. In seinen Tagebuchaufzeichnungen schildert er diese schwere Aufgabe, die zerstörte Stadt wieder aufzubauen.

Zweifellos war der Aufbau der Verwaltung, der Wirtschaft und des politischen Lebens und die Versorgung der Bevölkerung mit dem Lebensnotwendigsten eine der herausragendsten Leistungen, die von der Bundesgartenschau 1955 gekrönt wurde. Der Wiederaufbau ging schleppend voran, da die Stadt erst enttrümmert, Voraussetzungen geschaffen werden mussten um den Wiederaufbau überhaupt beginnen zu können. Gegen Ende seiner Amtszeit 1954 konnte man Erfolge sehen und erahnen, dass Kassel sich zu einer modernen zukunftsfähige Stadt entwickeln würde.

In diesem Buch kommen auch alle Oberbürgermeister zu Wort und es werden einzelne Zeitabschnitte besonders hervorgehoben, so wie es sich Willi Seidel gedacht hatte.


Wirtschaftlicher Aufschwung 1933-1938

Aus den städtischen statistischen Jahresberichten ist zu entnehmen, dass Kassels wirtschaftliche Entwicklung seit dem Jahre 1933 stetig sich zum positiven veränderte. Der tiefe Absturz in der Weltwirtschaftskrise seit 1929 wurde überwunden. Der wirtschaftliche Aufstieg war seit 1933 und die damit verbundenen strukturellen Veränderungen zu erkennen.

Besonders der Rückgang der Arbeitslosigkeit, 1932 wurden noch 21.300 gezählt, ging bis Ende 1933 auf 14.000 zurück. Eine Zahl, die sich bis Ende 1938 auf 440 verminderte, was durch Eignungsprüfung und Umschulung erreicht wurde. Jetzt war ein starker Mangel an Arbeitskräften

in allen Teilen der gewerblichen Wirtschaft zu beklagen.

Ein Tiefstand in der Krankenkassenstatistik wurde überwunden und zeigte 1932 nur 38.000 Mitglieder, 1936 stieg die Zahl auf 60.000 an . Ende des Jahres 1938 waren über 71.000 Erwerbstätige in den genannten Krankenkassen versichert (AOK und 12 Betriebs- und eine Innungskrankenkasse).


1933 zeigt die Tabelle nur noch 910 Mittel- und Großbetriebe mit 24.500 Beschäftigten, d.h. Die Hälfte der Beschäftigten von 1929. In den einzelnen Gewerbegruppen vollzog sich diese Entwicklung unterschiedlich, so fällt die Zahl der Beschäftigten bei Industrie Steine und Erden von 1430 auf 282. Die Zahl der Beschäftigten bei Eisen,- Stahl- und Metallwaren betrug 1933 weniger als die Hälfte von 1929.Besonders stark war der Rückgang in der Gewerbegruppe Maschinen,- Apparate- und Fahrzeugbau.



Die wichtigsten Aufgaben als Oberbürgermeister 1945/1946


General der zentralen amerikanischen Verwaltung in Berlin (OMGUS) wollte den komm. Oberbürgermeister kennenlernen. Er erkundigte sich nach der Herkunft Seidels, seine fachliche Ausbildung und über die aktuelle Lage sowie Not der Bevölkerung, die schon getroffenen oder zu treffenden Maßnahmen zur ihrer Behebung. Auch ob ich an dem Verhalten der Besatzungsmacht etwas auszusetzen habe, wollte er wissen. Die Antwort Seidels war, dass er auf Belästigungen und Übergriffe von Besatzungsangehörigen gegenüber harmlosen Bürgern der Stadt vor allem gegen Frauen verwies. Er habe bisher immer eine hohe Meinung und sie uns etwas vorleben und bessere Menschen sein wollen. Diese Offenheit gefiel dem General überhaupt nicht und bellte:“Herr Oberbürgermeister, wenn sie dies einem franz. Offizier entgegengehalten hätten, der hätte ihnen mit der Reitpeitsche geantwortet.“

Seidel bereute seine Offenheit und rechnete mit schlimmen Konsequenzen. Als Oberstleutnant Bard ihn zu sich kommen ließ, schmunzelte dieser und sagte „Oberbürgermeister, das haben sie gut gemacht.“


Vom Stadtkommandanten Bard zu Sola Ende April 1946

Vorrang Trümmerbeseitigung

Sola zu Seidel bei seinem Antritt: „Oberbürgermeister, der Zustand der Stadt ist miserabel. Was ist bisher zur Beseitigung des Trümmerberges unternommen worden?“

Antwort:

„Über das Arbeitsamt ist versucht worden, Kräfte zu bekommen. Die Gefängnisverwaltung wurde um Hilfe gebeten, aber die Gefangenen seien in der Landwirtschaft tätig. Letztlich wäre es nur möglich, Kriegsgefangene frei zu bekommen oder amerikanische Soldaten einzusetzen. Es handele sich hier um 1000 Mann für drei bis vier Monate. Aber auch Sola war hilflos. So kam Seidel der Gedanke die Trümmerbeseitigung im Wege der Selbsthilfe zu organisieren.

Morgendlicher Rapport beim Stadtkommandanten

(wirtschaftlicher Berater Dr. Fleischer der Firma Henschel, Dr. Reimann von der Spinnfaser und D` Òlaire aus der Firma Glückauf.

Verbesserung der Zustände ausgearbeitet: Wohnungsnot und, Heizungsbrand für die Zivilbevölkerung, die Beschlagnahme von Wohnraum und Einrichtungsgegenstände für die Besatzungsmacht kamen noch hinzu.

Hunderte von Wohnungen waren für die Besatzungsmacht bereitzustellen.


Aber auch bei den Führungskräften gab es Veränderungen, wie zum Beispiel Dr. Voßhage, Finanzdezernent während des Naziregimes, war der Beamte für den ich kämpfte. Nach einiger Zeit musste er ausscheiden, weil es für Bard nicht möglich schien ihn auf Dauer zu halten. Später holte Seidel ihn wieder zurück, da er ein ausgezeichneter Fachmann war und Beziehungen zur Bauwirtschaft hatte. 1953: Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland